Interactive Memories

Technikgestützte Biografiearbeit und Erinnerungspflege

Das Projekt "Interactive Memories" befasst sich mit dem Thema Biografiearbeit und Erinnerungspflege bei Menschen mit Demenz im stationären und häuslichen Kontext. Im Zentrum steht dabei insbesondere die Erprobung neuer technischer Möglichkeiten in der Erinnerungspflege.

Innerhalb der Laufzeit von drei Jahren stellen sich dem Projektteam eine Fülle von Aufgaben. Ermittelt werden zunächst die aktuellen Forschungs- bzw. Wissensstände zur Erinnerungspflege sowie die aktuell vorhandenen Möglichkeiten ihrer technischen Unterstützung. Letztere werden mit einem für das Thema Demenz sensibilisierten Blick auf ihre ethischen Folgerungen überprüft.
Es wird darum gehen, alle an Erinnerungspflege beteiligten Gruppen in die Technikentwicklung einzubeziehen, neuartige Benutzer-Schnittstellen für die Erinnerungspflege zu schaffen und die entwickelten neuen Formen mit Menschen mit Demenz in Pflegeeinrichtungen und im häuslichen Kontext zu evaluieren.

Die Projektpartner kommen aus verschiedenen Universitäten, Hochschulen, mittelständischen Unternehmen, zivilgesellschaftlichen Organisationen und Pflegeeinrichtungen.
Das Projekt wird durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und läuft von Juni 2015 bis Mai 2018.

Herausforderung Demenz

Die zukünftige Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz stellt eine der größten gesellschaftlichen Herausforderungen dar. Schätzungen zufolge leben derzeit rund 1,4 Millionen Demenzkranke in Deutschland. In der Altersgruppe über 60 Jahre entspricht dies einem Bevölkerungsanteil von 5,2 %. Eine älter werdende Bevölkerung lässt die Zahl der Menschen mit Demenz vermutlich deutlich ansteigen. Bis zum Jahr 2060 wird mit 2,5 Millionen Demenzkranken gerechnet, was einem Anteil von 3,8 % der Gesamtbevölkerung ausmachen wird.

InterMem beruht auf der Annahme, dass bedarfsgerechte technische Lösungen und technikgestützte Betreuungskonzepte in der Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz einen wertvollen Beitrag leisten können. Hier ruhen wertvolle Potentiale, die bisher bei weitem nicht ausgeschöpft sind.
Von zentraler Bedeutung ist dabei, den Einsatz von Technik dabei immer in Bezug auf die Lebensqualität von Menschen mit Demenz zu betrachten und zu bewerten.
Auch wenn Sicherheit in der Pflege und Begleitung von Menschen mit Demenz zweifelsohne eine wichtige Rolle spielt, sind für die Lebensqualität der Betroffenen andere Aspekte mindestens ebenso wesentlich. Ausgehend von Befragungen von Menschen mit Demenz wurde im Rahmen einer britischen Studie eine „Technik-Wunschliste“ (Sixsmith & Gibson 2007) erarbeitet, die ganz andere Unterstützungsbereiche in den Vordergrund stellt. Von den Betroffenen mit hoher Wichtigkeit belegt wurden u.a. die Förderung der Erinnerung und der Erhalts der eigenen Identität, die Unterstützung bei der Aufrechterhaltung sozialer Beziehungen, die Unterstützung beim Austausch mit anderen oder auch die Förderung der Nutzung von Musik.
1,4
MILLIONEN
Menschen mit Demenz (2015)
2,5
MILLIONEN
Menschen mit Demenz (2060)

Biografiearbeit und Erinnerungspflege bei Menschen mit Demenz

Biografiearbeit gilt heute im Bereich der Pflege als wesentliche Komponente und Anknüpfungsstelle in der Arbeit mit Menschen mit Demenz. Biografisches Arbeiten, so die Erkenntnis, kann helfen, Bedürfnisse zu erkennen und diejenigen, die mit demenziellen Veränderungen leben, besser zu verstehen. Das Wissen über die Lebensgeschichte einer demenziell veränderten Person kann Pflegenden dabei helfen, ihre Identität zu stabilisieren. Beeinträchtigungen in Bezug auf Erinnern und Sprache wirken sich im Krankheitsverlauf auch auf das autobiografische Gedächtnis aus. Damit verändert sich auch das Vermögen, die persönliche Lebensgeschichte als ein sinnhaft aufeinander bezogenes Ganzes zu erinnern. Hiervon ist auch die Bewusstheit über die eigene Person unmittelbar berührt.

Die Biografie bzw. Lebensgeschichte eines Menschen liefert einen Fundus an Gesprächsthemen und Aktivitäten, die zum Beispiel im Rahmen von Reminiszenztherapie oder Erinnerungspflege gezielt Anwendung finden können. Durch das Erinnern wichtiger persönlicher Erlebnisse oder Aktivitäten kann es gelingen, die Identität und das soziale Zugehörigkeitsgefühl eines Menschen mit Demenz zu stärken.
Diese stärkende Rolle kommt im Verlauf demenzieller Veränderungen zunehmend der sozialen Umwelt bzw. den Betreuenden zu.
Obwohl sowohl öffentlich als auch private Medien (Filme, Bilder, Tondokumente) in zunehmendem Maße digital verfügbar sind (und dies künftig womöglich nur noch in digitaler Form), sind bislang nur wenige entsprechende Materialien und Werkzeuge zur Unterstützung von Biografiearbeit und Erinnerungspflege verfügbar.
Neuland betritt das Projekt darüber hinaus mit der Untersuchung von Einsatzmöglichkeiten innovativer Interaktionsformen wie z.B. „natürlichen“ (gesten- und berührungsbasierten) und „begreifbaren“ Benutzerschnittstellen (sogenannte „tangible interfaces“) für die Erinnerungspflege. Entsprechend gestaltete Ansätze könnten maßgeblich dazu beitragen, Erinnerungspflege sowohl im stationären als auch im häuslichen Umfeld stärker im Pflegeprozess zu verankern und so die Begleitung und das Wohlbefinden der Menschen mit Demenz zu verbessern.

Gesteigertes Wohlbefinden durch technikgestützte Erinnerungspflege

Bislang werden in der Erinnerungspflege die seit langem gebräuchlichen, insbesondere printbasierten Medien (z.B. Fotos) verwendet. Im Rahmen von InterMem soll untersucht werden, wie sich digitale Medien und neue Interaktionstechnologien nutzen lassen, um neue Ansätze zur Biografiearbeit und Erinnerungspflege bei Demenz zu entwickeln. Neue technische Möglichkeiten beinhalten auch die Möglichkeiten, Interaktion durch die Nutzung unterschiedlicher Modalitäten (Sprache, Gestik, graphische Darstellung) anzureichern und Inhalte so zu verstärken. Dies kann die positiven Effekte der Erinnerungspflege erhöhen und andererseits dazu beitragen, ihre Durchführung und Anwendung in der Praxis zu vereinfachen.

Technikunterstützung kann als Werkzeug auch dazu beitragen, Erinnerungspflege stärker als bisher in professionellen Pflegeprozessen in voll- und teilstationären Versorgungsstrukturen zu verankern und sie weniger vom Engagement einzelner Mitarbeiter abhängig zu machen. Auch in der häuslichen Versorgungspraxis kann eine technische Unterstützung die Durchführung von Erinnerungspflege als wichtigen Bestandteil einer individuellen Betreuung von Menschen mit Demenz durch Angehörige und informell Pflegende erleichtern und fördern.
Das Projekt "Interactive Memories" nutzt hierzu sogenannte Mixed-Reality-Benutzerschnittstellen, an denen Benutzer multimodal und gemeinsam mediale Artefakte der individuellen Biografie erkunden und sich aktiv darüber austauschen. Über die multimediale und multimodale Stimulierung erzielte verstärkende Effekte sollen das Erinnerungsvermögen unterstützen, negative Entwicklungen bremsen und ggf. revidieren und sich so insgesamt positiv auf die Identifikationsfähigkeit auswirken.

Dabei werden einfache berührungssensitive Schnittstellen und interaktive Objekte mit intelligenten interaktiven Graphiksystemen gekoppelt. Diese verknüpfen die individuellen Artefakte mit multimedialen Inhalten aus den jeweiligen zeitlichen oder biografischen Kontexten, um während der Exploration zusätzliche Kontextstimuli zu erzeugen. Diese werden während der Interaktion neben den Hauptinteraktionsobjekten peripher am gleichen oder an zusätzlichen Geräten zum jeweiligen Stimmungsbild wiedergegeben, um so ein umfassendes Immersionsgefühl zu provozieren und möglichst viele erinnerungsrelevante Stimuli zu erzeugen.

Förderung

Förderschwerpunkt „Pflegeinnovationen für Menschen mit Demenz“

Der Förderschwerpunkt ist Bestandteil des Forschungsprogramms „Mensch-Technik-Interaktion im demografischen Wandel“. Mit diesem fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung einen interdisziplinären Forschungs- und Handlungsansatz für soziale und technische Innovationen, welche die Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen verbessern und allen Generationen zugutekommen.
Das Projekt InterMem – interaktive Biografiearbeit und Erinnerungspflege – wird im Rahmen des Förderschwerpunkts „Pflegeinnovationen für Menschen mit Demenz“ gefördert. Ausgangspunkt ist die große Bedeutung, die der Erinnerungspflege und der hierfür erforderlichen Biografiearbeit im Rahmen einer personzentrierten, Aktivität fördernden Pflege und Begleitung demenziell veränderter Menschen zukommen.

Fördernummer: 16SV7325